Der Engel vom Verzascatal

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TESSINER ZEITUNG 29 • 01 • 2016 | PDF

Hobby aus Passion

Tessiner Zeitung – Hobby aus Passion

ZEITLUPE 12 • 2015

«Wenn ich Drehorgel spiele, bin ich glücklich»

Mit über achtzig erfüllte sich der Wahltessiner Erich Esslinger seinen grossen Bubentraum und kaufte sich eine Drehorgel. Als Oskar, der Drehorgelmann, ist er jetzt unterwegs, um anderen Menschen Freude zu bereiten.

Wenn ich in einem Pflegeheim vor dementen Bewohnerinnen und Bewohnern Drehorgel spiele, geschieht jeweils...

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ZEITLUPE 12 • 2015

«Wenn ich Drehorgel spiele, bin ich glücklich»

Mit über achtzig erfüllte sich der Wahltessiner Erich Esslinger seinen grossen Bubentraum und kaufte sich eine Drehorgel. Als Oskar, der Drehorgelmann, ist er jetzt unterwegs, um anderen Menschen Freude zu bereiten.

Wenn ich in einem Pflegeheim vor dementen Bewohnerinnen und Bewohnern Drehorgel spiele, geschieht jeweils ein kleines Wunder: Menschen, die einfach nur dasitzen, den Kopf auf die Brust geneigt haben und scheinbar schlafen, schauen auf, beginnen zu schaukeln, zu strahlen, stehen manchmal auf und bewegen sich zur Musik leise hin und her. Drehorgelmusik weckt Erinnerungen an ihre Jugend, an Jahrmärkte und Zirkus, an Karussell und den Drehorgelmann, der früher an vielen Strassenecken spielte.

Drehörgelen war für mich ein Bubentraum. Mit offenem Mund hörte ich jeweils dieser Musik zu und dachte: «Das möchte ich auch können.» Doch dann heiratete ich, gründete eine Familie, war beruflich stark eingespannt und viel unterwegs, und mein Bubentraum geriet in Vergessenheit. Nach meiner Pensionierung zogen meine Frau und ich vom zürcherischen Stäfa nach Locarno um. 2001 erkrankte Antoinette an Demenz. Ich betreute sie. Als sie mich nicht mehr erkannte, war ich zutiefst erschüttert. 2012 starb meine Frau, und ich analysierte ganz nüchtern: «Jetzt bin ich frei, jetzt kann ich meinen eigenen Interessen nachgehen.»

Im Buch «Oskar, der Drehorgelmann» schrieb ich meine Autobiografie nieder. Ich besuchte Kurse über verschiedene Methoden der Selbstheilung, und vor allem verwirklichte ich meinen Bubentraum: Ich fuhr nach Überlingen am Bodensee zur Herstellerfirma «Orgelbau Raffin GmbH» und kaufte mir meine eigene Drehorgel mit dem Handwagen: schwarz, mit goldenen Ornamenten, vergoldeten Knöpfen, 31 Holz- und neun Metallpfeifen sowie drei Registern. Dazu erstand ich mir rund vierzig Musik rollen. Auf jeder Rolle hat es zwei oder drei Lieder, von Frank Sinatras «Strangers in the Night» über «An der Nordseeküste» bis hin zu Tessiner Volksliedern oder dem Zürcher Sechseläutenmarsch.

Als Drehorgelmann mache ich nicht selber Musik. Das ist das Faszinierende an diesem Instrument! Ich drehe nur die Kurbel, der Blasbalg erzeugt den Luftstrom für die Pfeifen, die verschiedenen Töne entstehen durch die sich drehende Musikrolle mit ihrem Lochband. Etwa zwei- bis dreimal im Monat ziehe ich meine Weste an, setze die Melone auf und bin dann als Oskar, der Drehorgelmann, unterwegs.

Ich trete an privaten Feiern, in Altersinstitutionen oder manchmal auch draussen in der Öffentlichkeit auf. Jedes Konzert beginne ich mit dem Marsch «Einzug der Gladiatoren». Danach passe ich das Konzert dem Anlass an. Das Geld, das ich dabei verdiene, schenke ich dem Zürcher Tierheim Pfötli.

Manchmal erzähle ich bei meinen Auftritten auch aus meinem Buch – vor allem, wie ich nach dem Tod meiner Frau und meines Sohnes gelernt habe, mit Problemen umzugehen, oder was ich über Selbstheilungskräfte weiss.

In den letzten Jahren habe ich mich unglaublich verändert. Es ist, als hätte ich noch einmal ein neues Leben begonnen! Jetzt bin ich 87, aber ich merke mein Alter kaum. Ich trage Sorge zu mir, und wann immer ich kann, spiele ich Drehorgel: Wenn ich spiele, bin ich glücklich!

Aufgezeichnet von Usch Vollenwyder

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